Beim Thema Wein gibt es zwei grosse Irrtümer (okay, es sind mehr, doch dazu ein andermal), die sich in der breiten Masse hartnäckig halten. Und zwar, dass man Chasselas und Dolcetto jung, sprich innerhalb von zwei oder drei Jahren nach der Ernte getrunken haben sollte. Meiner Meinung nach ist das generell gesehen ein grosser Fehler, den es dringend zu vermeiden gilt. Klar, nicht jeder Dolcetto und x-beliebige Chasselas machen eine längere Lagerung mit. Es gibt aber mehr solche Weine, als man denkt.

Beim Chasselas ist das einigen vielleicht schon länger bekannt. Mir leider erst seit 2014. Seitdem lege ich jedes Jahr sechs bis zwölf Flaschen Medinette auf die Seite, die im Minimum fünf Jahre im Keller  schlummern, bis ich die erste Flasche eines Jahrgangs aufmache. Das ist eine kleine Geduldsprobe, die sich aber immer auszahlt. Denn nach vier bis fünf Jahren ist die erste Metamorphose vorüber und die Weine gewinnen immer mehr an Komplexität. Sie mutieren vom einfachen Apéro-Wein zum feinen Essensbegleiter. Oder ich trinke sie einfach so, weil sie verdammt gut sind. Wer in den letzten zwei Jahren einen 05er Medinette hat trinken dürfen, weiss, was ich meine: Der Wein ist schlichtweg zum Niederknien.

Kürzlich tranken wir eine Flasche Dezaley Marsens 2004 von Dubois. Geschenkt hatte sie mir ein Mann, der mich über die Jahre immer wieder mit gereiften Preziosen beliefert hatte. Einer, der das Potential solcher Weine schon länger erkannt hat. Dafür danke ich ihm sehr! Ich servierte den Chasselas verdeckt und fragte die Anwesenden, auf welches Alter sie den Wein schätzten. Keiner lag mit seiner Schätzung auch nur annähernd richtig. Kurz: Man gab dem Wein fünf bis sechs Jahre. Der 16-jährige Chasselas stand da wie eine Eins mit einer wunderbar cremigen Textur, feinen Honignoten, reifer Birne, getragen von einer animierenden Säure. Alles war sehr schön im Gleichgewicht.

Dolcetto 10 years after

Mit Dolcetto habe ich noch nicht so viel Erfahrung. Eigentlich habe ich früher immer einen weiten Bogen um diese Weine gemacht. Denn wer trinkt schon Dolcetto, wenn er Barolo trinken kann? Aber wie sich herausgestellt hat, war auch dies ein grosser Irrtum. Fragen Sie mal die Winzer im Piemont, was sie täglich trinken! Das ist nicht Barolo, sondern sehr oft Dolcetto und vielleicht auch mal ein einfacher «Nebbiolo». Regelmässige Reisen ins Piemont verschafften mir dann immer wieder die Möglichkeit, gereifte Dolcettos zu trinken. Ich war überrascht, wie viel Spass die Weine nach so langer Zeit noch machten. Einmal dekantierte die Sommelière einen zehnjährigen Dolcetto, während sie einen weitaus teureren Barolo in der Flasche liess. In solchen Momenten sitzt man leicht irritiert am Tisch und lächelt höflich. Ihr dürft aber einmal raten, welche Flasche zuerst leergetrunken war. Richtig, es war der Dolcetto. Das Erlebnis führte dazu, dass mich das Dolcetto-Fieber packte. Dieser «kleine» Wein begeistert mich durch seine unkomplizierte Art. Er gehört nicht zu den «verkopften» Preziosen, die einem beim Trinken alles abverlangen. Dolcettos sind bodenständige, unprätentiöse Freudenspender, ideal für ein Mittagessen ohne Brimborium. Sie bieten einen Spass, den jeder versteht. Sie sind wie ein guter Freund, der am Tisch sitzt.

Der Dolcetto von Commendatore Burlotto aus dem Hammerjahr 2010 hat uns letztes Wochenende einmal mehr überzeugt. Er ist ein eleganter Wein mit krautiger Würze, weissem Pfeffer und floralen Noten, der perfekt zum hausgemachten Burger passte.

Ich hoffe, ich konnte Sie mit den zwei Beispielen animieren, Ihren Weinen öfters mehr Zeit im Keller zu geben. Sie werden Ihnen viel Freude bereiten!